IN DER TRAUMSTADT (schönes Fräulein)

Wenn ich endlich einmal wüsste,
wer das schöne Fräulein ist,
das auf einer Bank im Parke
meiner Traumstadt sitzt und liest –
liest in einem Band Gedichte.
(die Gedichte sind von mir.)
Ist es eine Kunststudentin,
Malerei, Gesang, Klavier?
Oder zaubert sie Kostüme,
oder formt sie kühne Hüte?
Oder fasst in Gold und Platin
sie Smaragde, Krysolythe?
Manchmal mein ich ihre Hände
hätt’ ich früher schon gesehen – –
Meiner Mutter Ohrgehänge
waren zwei Beryll-Kameen,
meines Vaters Halstuchnadel
war ein roter Karneol.
Edelsteine haben Kräfte:
grüner Pol und roter Pol.
Meergrün sind des Mädchens Augen
und kornelienrot ihr Haar.
Meine kleine Schwester ist es,
die nie hie auf Erden war.
Als ich einmal aus der Traumstadt rückgekehrt,
in der kühlen Frühe, um die Zeit der Morgenröte,
da begegnete mir hoch zu Pferd
Seine Exzellenz, der Herr von Goethe.
Zwar ich wusste, dieses ist Chimäre,
aber dergestalt, dass Goethe wirklich war
und ich nur wäre,
wenn der Dichter mich bemerkte im Gesicht.
Doch der Herr Minister sah mich nicht.
Eckermann hingegen, Eckermann, der mit ihm reiste als Begleiter,
sprach mich an und sagte freundlich: “Guten Tag Herr Dings!”
Und er schenkte mir drei Sprossen von der Ruhmesleiter
Goethes, die er wie ein Schießgewehr trug auf der Schulter links.
Dann entschwanden beide in dem hohlen Wege hinter Pappeln.
Lange hört ich noch die Pferdehufe trappeln.
Später ward ich dann gewahr,
dass das Pferdetrappeln Regen war.
Für die Künste waren damals Zeiten zum Erbärmen,
und so schenkte ich die Ruhmesleitersprossen Frieda Muse, einer armen Frau,
dass sie Suppe kochen könne oder bloß sich wärmen.
Ob sie überhaupt noch frohr und nicht schon tot war, weiß ich nicht genau.

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